Drossel – Fink – Star und mehr…

Altstadtrat Reiner Nimis führt durch den Stadtteil.
In 90 Minuten durch 100 Jahre Pfaffengrund

Eigentlich sollten es großartige, mehrtägige Jubiläumsfeiern werden,
die der Stadtteilverein anläßlich der Gründung unseres Stadtteils vor 100 Jahren vorbereitet hatte. Wie viele andere Planungen fielen auch diese dem Corona-Virus zum Opfer. So entschloss sich der SPD-Ortsverein, interessierten Pfaffengrundern und Gästen unter dem Motto „Sozialdemokraten gestalten einen Stadtteil“ bei einem Rundgang mit Altstadtrat Reiner Nimis auf deren Wirken aufmerksam zu machen.

Die künftige Sozialbürgermeisterin Stefanie Jansen, Stadtteilvereinsvorsitzender Heinz Schmitt und die SPD-Kreisvorsitzende Nina Gray konnte Stadtrat Mathias Michalski beim Start am Schulplatz unter den Gästen begrüßen.

Hier, an der Nahtstelle zwischen altem und neuem Pfaffengrund, zeigte Reiner Nimis mit Geschichtlichem und Geschichten auf, welche Entwicklung der Stadtteil in den 100 Jahren seit seiner Gründung genommen hat.

Rechts und links von der „Richard-Drach-Straße“ die ursprüngliche„halbländliche Kleinsiedlung“ mit 65qm-Wohnungen für Familien mit Kindern, mit Garten und Kleintierstallungen und zwischen Möwenweg und Kranichweg die nach dem 2. Weltkrieg entstandenen Mehrfamilienhäuser.

Gemeinsinn prägte stets das soziale Zusammenleben im Stadtteil.

Sozialdemokraten wie Christian Stock und Josef Amann waren es, die Gründung und Weiterentwicklung des Pfaffengrunds wesentlich bestimmten.

Sozialdemokratisches Gedankengut führte zur Entstehung der „Baugenossenschaft Neu Heidelberg“, zum Arbeitergesangverein „Frohsinn“, zum „Arbeiter-Rad-und Kraftfahrbund Solidarität“, zu einer freiwilligen Feuerwehr und zu Kleintierzüchter- und Kleingartenvereinen.

Der Weg führte zur „Christian-Stock-Wohnanlage“ am Storchenweg, einst Standort des alten Gesellschaftshauses. Nachdem das auf dem Marktplatz ursprünglich geplante „Volkshaus“ aus Kostengründen nicht gebaut wurde, packten Genossenschaft und Siedler an, um aus eigenen Kräften eine Heimstätte für das Vereinsleben zu schaffen, selbstverständlich auch mit einer schon langen vermissten Gastwirtschaft.

Viele Jahrzehnte lang konnte hier Peter Schmitt als Ortsvereinsvorsitzender Parteiveranstaltungen der SPD eröffnen und prominente Genossen wie Alex Möller, Hans Koschnick oder Franz Müntefering begrüßen.

In die Jahre gekommen, war das Gesellschaftshaus – zwischenzeitlich auch zum Seniorenzentrum geworden – den wachsenden Ansprüchen nicht mehr gewachsen. Die Idee einer Grundsanierung wurde zu Gunsten einer Neubaulösung verworfen. Nach langen Standortdiskussionen fand man am Areal an der Graf-von-Galen-Schule einen Platz für das neue Gesellschaftshaus. Am alten Standort sollte eine Wohnanlage für Betreutes Wohnen mit integriertem Seniorenzentrum entstehen und die Baugenossenschaft beauftragte den Handschuhsheimer Architekten (und Sozialdemokraten) Hans Burkhard mit der Planung. Ihm ist ein Entwurf gelungen, der sich architektonisch gut in die Siedlungsstruktur angepasst und auch den vorhandenen alten Baumbestand erhalten hat. Anwohner, Bewohner des Hauses und Besucher des Seniorenzentrums wissen das zu schätzen.

Schaut man um die Ecke, fällt das rote Ärztehaus ins Auge. Theo Bender, Vater von Frau Inge Mauerer-Klesel, Betreiberin von „Gloria/Gloriette“ und „Kamera“, hatte hier den Pfaffengrunder „Filmpalast“ geführt. Die Besonderheit dieses Kinos war eine kleine Wohnung mit einer Glaswand, von der aus man die Kinofilme ansehen konnte. Literaturgrößen wie Peter Huchel, Martin Walser oder Hermann Lenz haben dieses Extra als Gäste von Hans Bender, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“ und Bruder von Theo Bender, gerne genossen.

Vorbei an der „Pfaffengrunder Platte“, einst Übungsplatz für die Rollschuh- und Radfahrsportler der „Soli“, zeigte der Rundgang auch die Veränderungen rund um die Siedlungshäuser. Misthaufen und Kleintierställe haben längst blühenden Hausgärten mit Kinderspielflächen und sogar Schwimmbassins weichen müssen.

Zwar hört man heute nicht mehr die Gesangsübungen von Walter Kocks, seines Zeichens Kammersänger der Städtischen Bühne Heidelberg, dafür aber vielleicht den singenden Lokführer Heinz Meisel mit seinem Pfaffengrund-Lied. So wird die traditionell gute Siedler-Nachbarschaft noch immer gepflegt.

Am Marktplatz sind die 100 Jahre Entwicklung nicht spurlos vorüber gegangen.

Frühjahrsmess, Zirkus, Siedlerfest, wie auch Konsum, Bäcker, Metzger, Tabakwaren, Milchladen, Poststelle, Polizeiposten, Friseur, Café, Radio-und Fernsehwerkstatt, Lebensmittel, Haushaltswaren, Schuhgeschäft, Zahnarzt und Praktischer Arzt waren einst hier beheimatet. Heute beherrschen Einkaufs-, Fitness und Garten-Center die Umgebung gegenüber. Verblieben sind das Bürgeramt, eingeführt unter Oberbürgermeisterin Beate Weber, die Verwaltung der Baugenossenschaft Neu Heidelberg sowie Praxen des Gesundheitswesens, gut erreichbar über die Haltestellen von Bus und Straßenbahn, mit Taxistand und Fahrradabstellanlage.

Der alte, grüne Gaskessel, lange Zeit Wahrzeichen des Stadtteils, hat einer überdimensionalen, blauen „Thermoskanne“ Platz gemacht, auf deren Deckel man künftig eine gastronomische Nutzung installieren will. Für Sozialdemokraten eine gute Gelegenheit, aus luftiger Höhe zu beobachten, wie sich aus der Keimzelle von Drossel/Kuckucks/Finken-Weg ein Wohlfühl-Stadtteil entwickelt hat. Von da oben fällt der Blick auch auf den Friedhof, das angrenzende Pfaffengrunder Feld, den Radweg nach Kirchheim, den Rentnerweg, den Flugplatz, die Autobahn A 5, und über das Industriegebiet bis zur S-Bahn-Station Pfaffengrund-Wieblingen und findet überall Spuren vom Wirken Pfaffengrunder Sozialdemokraten. Und bei genauerem Hinsehen erkennt man die Aufgaben, um deren Erledigung wir uns auch in Zukunft kümmern müssen.